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Unsere Meinung und Erfahrung
zu den Flex-Sättel
Seit ein paar Jahren komme ich immer wieder mit "Flex-
geschädigte" Reiter und Pferden in Kontakt. Diese
Probleme reichen von schief gebauten Sättel, Satteldrücke
und sogar gebrochene Kunststoff- Bäume. Einige Pferde wiesen
Muskelschwund und Druckstellen auf der Wirbelsäule auf.
Aus Gesprächen mit Kunststofftechnologen weis ich, dass
man Kunststoff nicht beliebig oft erwärmen und wieder erhärten
kann (ein Teil vom Recyclingprozess), irgendwann verliert er
einfach an Stabilität, manche Kunststoffsorten früher
andere später.
Alleine die Vorstellung für mich einen Kunststoff durch
die geringe Wärme die beim Reiten entsteht verformen zu
können finde ich persönlich schon sehr komisch. Definitiv
muss das Gewicht was oben drauf wirkt auch eine Rolle spielen!
Und folgert man das Ganze weiter frage ich mich, wieso soll
sich der Kunststoff minimal verformen unter dem Gewicht und
der Wärme aber die Wirbelsäule dabei frei bleiben?
Verformt sich der Kunststoff an warmen Sommertagen auf langen
Ritten mehr?
Diese "Anpassung" an das Pferd muss in meinen Augen
in irgendeiner Weise von der Temperatur und dem Gewicht abhängen
ergo kann es kaum sein, dass sich der Baum bei unterschiedlichen
Temperaturen oder unterschiedlichen Gewichten gleich verformt.
Mag sein, dass das nun versucht wird durch diese Metallverstrebung
zu limitieren, dass z.B. auch bei größerer Wärme
oder mehr Gewicht eine größere Verformung eingedämmt
werden soll!
Ich habe dann auch mal ein paar wirklich Kunststoff-kundige
Leute befragt. Die haben das auch für sehr unwahrscheinlich
gehalten, dass sich ein Kunststoff beliebig oft verformt und
wieder in seine ursprüngliche Form zurück geht ohne
an Stabilität oder anderen wichtigen Materialeigenschaften
zu verlieren. Manche haben das sogar sehr belächelt und
meinten wenn es sowas gäbe solle man sich sofort Aktien
der Firma holen die das Patent darauf hat, denn das würde
einige neue Marktmöglichkeiten für die Kunststoffindustrie
bringen...sie meinten, gäbe es sowas tatsächlich,
dann hätte man schon öfter davon gehört als bloss
bei Pferdesätteln.
Aus all diesen Gründen verkaufen ich keine Kuststoff- Flex-
Sättel und nehme auch keine in Kommision oder Anzahlung.
Für mich stimmt auch das Preis- Leistungsverhältnis
nicht. Diese Sättel sind einfach zu teuer und schlecht
verarbeitet, was uns ein Profi- Westernsattler bestätigt
hat. Daher verkaufe ich nur Westernsättel mit Ralide- oder
Holzbaum. Gerne zeige ich ihnen die Vorteile unserer Westernsättel.
Hanno Pilartz mit dem sächsischen Vertreter auf
der Arbeitskreistagung 2008.
Ist baumlos problemlos?
Hanno Pilartz betrachtet das Für und Wider
Gedankenlosigkeit bei der Sattelauswahl geht zu Lasten des Pferdes.
Die schlechte Nachricht zuerst: Eigentlich können
wir Pferde gar nicht reiten, ohne ihnen zu schaden. Warum? Die
Auflagefläche eines durchschnittlichen Sport-Sattels beträgt
maximal um die 500 Quadratzentimeter. Diese Fläche wird
– sagen wir – mit einem 75 kg schweren Reiter belastet.
Dessen Gewicht erhöht sich durch die Bewegungsdynamik –
z.B. das Einsitzen im Trab – etwa um den Faktor 4. Dadurch
ergibt es eine Druckbelastung von ca. 600 Gramm pro Quadratzentimeter.
Aus der Dekubitusforschung („Wundliegen“) an Mensch
und Tier wissen wir, dass schon ein Druck von 450 Gramm (wissenschaftlich
korrekt rd. 4,5 Kilo-Pascal oder 4500 Newton) pro Quadratzentimeter
mittelfristige Schäden verursachen kann.
An der Universität Zürich beschäftigt sich Brigitte
von Rechenberg schon seit vielen Jahren mit Druckmessungen unter
Reitsätteln. Von ihr und Ihren Studenten und Mitarbeitern
gibt es eine stattliche Anzahl von wissenschaftlichen Arbeiten
und Veröffentlichungen zum Thema. Daraus ergibt sich, dass
Pferde etwa das Dreifache der o. g. 450 Gramm schadlos vertragen.
Der Grund dafür ist vermutlich, dass ihr Rückenmuskel
im Unterschied zum Dekubitus-Patienten in der Vorwärtsbewegung
sehr aktiv ist und daher stark durchblutet wird. Dies scheint
der durchblutungsbe-einträchtigenden Druckbelastung entgegen
zu wirken.
Gut so, denn die eingangs erwähnten 500 Quadratzentimeter
stehen uns vollständig nur zur Verfügung, solange
das Pferd steht. Sobald es läuft, verändert sich die
Rückenform ständig und die wirksame Auflagefläche
wird dadurch kleiner.
Die obigen Zahlenspiele zeigen, dass
- die Auflagefläche eines Reitsattels
auf gar keinen Fall kleiner werden darf;
- jegliche „Vorfälle“, die
zu weiterer Druckerhöhung führen, wie eine schlechte
Sattel-Passform oder Falten in der Satteldecke fatale Folgen
haben können.
Flexible Sättel oder gar Sättel ohne Baum haben
auf den ersten Blick den Vorteil, sich zumindest in den Längsbiegung
des Pferderückens gut anzupassen. Ein sogenanntes Brückenphänomen,
also ein Sattel, der in der Mitte hohl liegt, kommt bei flexiblen
Sätteln im Prinzip nicht vor. Das Brückenphänomen
wurde auch an der Universität Zürich als eines der
schwerwiegendsten Sattelpassform-Probleme erkannt.
Leider verteilen aber alle derzeit auf dem Markt befindlichen
flexiblen Sattelsysteme das Reitergewicht erheblich schlechter
als ein Sattel mit starrem Baum. Nach den Hebel-Gesetzen der
Physik ist das zwangsläufig.
Die erwähnten 500 Quadratzentimeter des starren Sattels
reduzieren sich bei flexiblen Sätteln auf höchstens
die Hälfte, der Druck pro Quadratzentimeter steigt also
etwa auf das Doppelte.
Im Prinzip wäre es möglich, das Reitergewicht gleichmäßig
auf zwei flexible Flächen links und rechts der Wirbelsäule
des Pferdes zu verteilen. Aber das könnte nur durch ein
sehr aufwendiges und damit sehr teures System aus kalibrierten
Hebeln realisiert werden. Aus Kostengründen hat dies bis
heute noch niemand versucht.
Woher kommt nun der recht große Erfolg von flexiblen Sätteln?
Fast alle positiven Meinungen basieren auf schlechten Erfahrungen
mit Sätteln, die einen starrem Baum hatten, aber nicht
passten. Stößt ein Sattel mit starrem Baum z.B. in
Biegungen oder Wendungen mit dem vor und zurück schwingenden
Schulterblatt des Pferdes zusammen, weil der Sattel in diesem
Bereich nicht passt, ist es kein Wunder, wenn das Pferd beim
Reiten Probleme macht. Passen Winkelung und Weite des Kopfeisens
nicht zur Rückenform, sind aufgrund des berüchtigten
„Klemm-Keil-Effektes“ zunächst Drucknekrosen,
in der Folge oft eine Rückbildung der gesamten Rückenmuskulatur
und im schlimmen Fall Probleme mit dem Becken und dem Darmbeingelenk
zu erwarten. Der bekannte Wiener Tierarzt Dr. Robert Stodulka
beschreibt auf seiner Internetseite sehr treffend, dass sich
Rückenprobleme aufgrund von nicht passenden Sätteln
sehr unterschiedlich äußern können. Oft reicht
ein gut passender Sattel alleine zur Therapie nicht (mehr) aus.
Ein guter Osteopath oder Chiropraktiker sowie geduldige gymnastizierende
Arbeit an der Hand sind häufig zusätzlich erforderlich.
Wird ein Pferd nach schmerzhaften Erfahrungen mit nicht passenden
Sätteln erstmals mit einem bau ml osen Sattel geritten,
geht es dem Tier etwa so wie einem Bergwanderer, der nach einem
Marsch mit zu engen Wanderschuhen Flipflops anziehen darf. Ob
es aber eine gute Idee ist, die Bergwanderung mit Flipflops
fortzusetzen?
Probleme mit bau ml osen Sätteln zeigen sich relativ schnell,
wenn Druck auf die Dornfortsätze ausgeübt wird. Das
kommt oft bei Pferden vor, deren Rückenmuskulatur die Wirbelsäule
nicht gut „einbettet“.
Kaum zu erwarten ist dieses Problem bei gut trainierten Distanzpferden
mit stark aufgewölbten Muskelsträngen im Rücken,
zwischen denen die Dornfortsätze der Wirbel wie in einer
Rinne liegen. Wenn längere Distanzritte erfolgreich mit
bau ml osen Sätteln geritten werden können, dann vor
allem aufgrund des Trainingszustandes der Pferde und der zumeist
ebenso trainierten, sehr gut sitzenden Reiter, die selten Schwergewichte
sind. Auf einen Wochenend-Freizeitreiter – nicht selten
schwerer als der athletische Distanzler - und sein oft wenig
trainiertes Pferd ist so etwas aber nicht übertragbar.
Ebenso wenig auf den Wanderreiter mit etlichen Kilogramm Gepäck
am Pferd.
Bei flexiblen und bau ml osen Sätteln treten Probleme jenseits
vom erwähnten Druck auf die Dornfortsätze zumeist
in Form von großflächigen Drucknekrosen auf, die
sich sehr schleichend entwickeln. Wie bei allen anderen Rückenproblemen
des Pferdes ist eine Diagnose oft schwierig.
Warum gibt es so viele nicht passende Sättel mit starrem
Baum? Zunächst scheinen gute Sattelfachleute, die einen
Sattel mit starrem Baum gründlich auf seine Passform
zum Kundenpferd überprüfen können, seit etlichen
Jahren seltener zu werden. Weiter scheint es durch „Rasse-Mixe“
(„Ich will ein Fohlen aus meiner Stute…“)
immer mehr Pferde mit ungewöhnlicher Rückenform
zu geben. Wird für so ein Tier ein „Maßsattel“
angefertigt, handelt es sich oft nur um ein mit untauglichen
Mitteln modifiziertes Serienmodell. Schließlich neigen
immer mehr Menschen dazu, Pferde zu reiten, die eigentlich
zum Fahren gezüchtet wurden, wie z.B. Tinker, Traber,
Friesen und Kaltblüter.
Die Folge ist der Boom bau ml oser und flexibler Sättel.
Dabei steckt zumindest in bau ml osen Sätteln auch nicht
das allerkleinste Stückchen neuer Technologie. Vom Funktionsprinzip
entsprechen diese Sättel den Sattelkissen, mit denen
die Skythen vor ca. 3.000 Jahren geritten sind als der Sattelbaum
noch nicht erfunden war. Zwar werden thermoplastische Schaum-
und Kunststoffe aus Kostengründen verbaut, aber die verteilen
das Reitergewicht nicht besser als Leder oder Langstroh, wie
sie z.B. im andalusischen Vaquera-Sattel oder im Gauchosattel
für Flexibilität sorgen. Das traditionelle Material
hatte den großen Vorteil, bei Hitze nicht so butterweich
zu werden wie thermoplastischer Schaumstoff oder der Kunststoff
von Equiflex-Sattelbäumen.
Nach den Regeln der Physik kann ein bau ml oser oder flexibler
Sattel nichts besser als ein gut passender Sattel mit starrem
Baum, im Gegenteil.
Ein weit verbreitetes Ammenmärchen besagt, dass Pferde
sich im Rücken ständig verändern, daher Sättel
dauernd angepasst werden müssten. Tatsächlich sollte
ein starrer Sattel dem Pferderücken so angepasst werden
wie z. B. der oben erwähnte Wanderschuh. So wie
ein guter Schuh dem menschlichen Fuß Platz zum Abrollen
lässt, muss der Sattelbaum dem Pferderücken Platz
für seine ständige Formveränderung in der Vorwärtsbewegung
lassen. Als „Bewegungspuffer“ gehört eine
gut polsternde Unterlage zwischen den starren Baum und den
empfindlichen Rücken. Hierbei geht die Tendenz seit neuestem
wieder zurück zur Tradition. Augenscheinlich
gibt es in Sachen Druckverteilung, Pufferung und Atmungsaktivität
nichts Besseres als Wollfilz vom Schaf, ob nun in Form eines
dicken Wollfilz-Pads, eines Lammfells oder des alten Woilachs,
der mehrfach gefalteten Wollfilzdecke wie sie bei fast allen
Reiterarmeen üblich war.
Was Platz für die Bewegung des Pferderückens lässt,
kann ein bisschen mehr oder weniger Fett auf dem Rücken
locker verkraften. Oft wird beim Training des Pferdes im Rücken
Unterhautfettgewebes ab- und Muskelmasse aufgebaut, so dass
sich das Pferd im Rücken nur anders anfühlt, aber
kaum in der Form verändert.
Extreme Formveränderungen wie bei einem völlig verfetteten
Pferd oder einem Tier mit Senkrücken und Kissing Spines
stellen die Reiteignung grundsätzlich in Abrede, solch
ein Pferd braucht keinen Sattel.
Schließlich sind flexible und bau ml ose Sättel
vor allem ein Bomben-Geschäft. Man braucht im Vergleich
zum starren Sattel nur wenige Größen passend zum
Reiter und evt. zur Rückenlänge des Pferdes zu fertigen,
der hoch belastete Sattelbaum entfällt ganz, Lagerhaltung
und Vertrieb sind wesentlich einfacher, das aufwendige, zeit-
und beratungsintensive Anpassen entfällt weitgehend.
Das allertollste ist aber, dass man Bau ml ose bei Ebay ersteigern
kann, ganz ohne Reue und Rückgaberecht.
Wie bei vielen anderen „schnellen“, einfachen
Lösungen auch geht das nicht selten zu Lasten des Pferdes.
Autor: Hanno Pilartz
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